Sonntag, 30. Mai 2010

3. Szene


Abel (A) u. Kain (K) sitzen, beide einen altmodischen Joycestick in der Hand, im hinteren rechten Bereich der Bühne. Sie sitzen so, dass das Publikum beide Gesichter deutlich sehen kann.

Im vorderen linken Bereich der Bühne ist ein Feld als Screen markiert.

Im hinteren linken Bereich sitzt der Chor auf dem Bühnenboden u. summt während der Szene die Melodien von Gospelliedern.

Es tritt immer jeweils einer des Chores (Z) in das Feld, stellt sich kurz vor, ist dann das Ziel des Ballerspieles, das Abel u. Kain spielen. Ist er oder sie getroffen, verlässt er oder sie das Feld wie ein begossener Pudel u. reiht sich wieder in den Chor ein.

Die Joycesticks funktionieren nicht mehr einwandfrei, immer wieder muss einer der beiden seinem Stick einen Schlag versetzen u. ihn auf den Boden schmeißen, damit er funktioniert. Ebenso müssen sie – entnervt – immer wieder zu dem Feld vor u. die Markierung mit Kreide nachzeichnen oder korrigieren. Mitunter funktionieren auch die Chor-Mitglieder als Ziele nicht richtig. Dann begibt sich einer der beiden ins Feld u. gibt dem jeweiligen Ziel einen Arschtritt oder eine Maulschelle.


Z:

Bitte ergebenst ihr vielgeliebter Schullehrer sein zu dürfen.


K:

Halt die Fresse du versoffene Sau u. renn um dein Leben. Wir spielen hier nicht Bingo.


A:

Bingo

(lacht)


Beide klatschen einander in die Hände.

Beide ballern. Ihre Körper u. Bewegungen nehmen regen Anteil an dem Spiel, verbiegen sich u. verfolgen die Bewegungen von Z, kommentieren die Misserfolge u. Erfolge im Treffen. Ihr Redeton bleibt davon aber unberührt, außer wenn sie direkt Bezug auf Z nehmen.


K:

Sie wunderte sich, dass ich am ersten Tag nicht schrie.


A:

Ich schrie auch nicht.


K:

Du warst ja immer ein braver Bruder, klingt wie warmer Bruder.

Dabei stehst du im Zeichen der Kälte.


A:

Scheiße. Wieso rennt das Arsch so.


Z:

Bitte das entschuldigen zu dürfen. Das sind Zuckungen aufgrund eines reichlich begossenen Abends am Ende eines arbeitsreichen pädagogisch wertvollen Tages.


A/K:

Fresse.


A:

In der Kälte ertrug ich die Hitze seiner Schläge. Wenn er schrie, klammerte ich mich an meinen Tisch fest u. versuchte die Formeln zu lernen, die vor meinem Auge verschwammen, wie die Ordnung in der Wohnung nach wenigen Tagen schon zu verschwinden beliebt.


K:

Jetzt schwallst du schon wie der da

(Zeigt auf Z)


A:

Hätte ich einen Wahnsinn gehabt, wenn auch nur einen so kleinen wie der da, dann wäre ich schon froh gewesen; dann wäre da was gewesen, das mich umhüllt hätte u. isoliert.

Eine Sinnisolierung. Eine thermische Hülle der Regelgemäßheit. Der Vorhersehbarkeit.

Stets kam es unverhofft u. warf mich in ein Nichts der Lähmung.


K:

Dich?

Unentwegt mühtest u. plagtest du dich in fast biblischem Sinne.


A:

Spotte nicht unserem Schicksal.


K:

Schicksal.

Ach so.

Nur weil wir diese Zettelchen ausfüllten u. an den Wunschbaum hingen.

(lacht)

Was hast du noch mal geschrieben. Hab’s glatt verdrängt.


A:

Das verrät man doch nicht.

Hee, du Sau, ich hab dein Bein erwischt. Humple gefälligst.


Z humpelt.


K:

Ich kann’s dir sagen, was ich schrieb. In dicken Lettern schrieb.

Mit rotem Stift.

Als schriebe ich es mit einem abgeschnittenen Schwanz.


A:

Hast du keine andere Sprache?

Du bist wie er.


K:

Na und.

Ich bin sein Sohn.

U. außerdem.

Du bist auch wie er.


A:

Halt die Fresse. Ich bin besser als du u. er zusammen.

Ihr habt nur euren Schwanz im Kopf.


K:

Wo du dein Arschloch hast.


A:

Treffer.

Verschwinde.

Einsnull für mich.


Z verbeugt sich. Kriecht davon. Ein neues Chormitglied stellt sich in den markierten Raum.


Z:

Ich bin er, der er ist.

Oder so ähnlich.

Scheiß drauf.


A/K:

Fresse. Renn du Sau. Du wirst bluten.


A u. K klatschen einander in die Hände.


K:

Liebe schrieb ich auf das Zettelchen.

L-I-E-B-E

Das, was du mich nicht lehren konntest.

Nie legtest du dich wie ein Bruder zu mir ins Bett.

Nie schauten wir uns an u. flüsterten uns unsere Geheimnisse zu.

Immer waren wir nur das Geheimnis selbst.


A:

Von wegen Geheimnis.

Ich weiß ganz genau, was du tatest.

Du hast meine ...


K:

Olle Kamellen.

Was geht’s mich an, wenn sie nicht bei dir bleiben will.

Wahrscheinlich hatte sie schon Frostbeulen am Leib.

Weil du sie nicht anfasstest.


A:

Berühren heißt Wehtun. Das weißt du so gut wie ich.


K:

Nix da. Ich wollte berührt werden. Immerzu.

U. sie berührte mich.

Nein, sie berührte mich nicht,

sie fasste mich an,

wie man eine Schippe anfasst, will man ein großes Loch graben,

in das man das eigene Herz,

die eigene Seele legen will.


A:

Ja, töten wolltest du sie, wie du alles töten willst.

Wie du ...


K:

Halt’s Maul. Was weißt du schon.

Was nicht lebt, kann man auch nicht töten.

Außerdem wollen sie es ja.

Sie wollen doch bestraft sein.

Von wegen Bestätigung. Wie sie, wie Mutter.

Sie wollen getötet sein. Was weiß ich, was sie getan haben.

Ich bin ihr kleines Mittelchen zum Zweck.

Erst Bestätigung abholen, dann die Rache ausleben.

Nette Mittelchen, sag ich dir.

(zu Z)

Hee, du Sau, ich hab dir die Eier abgeschossen. Ich will was sehen.


Z greift sich zwischen die Beine u. läuft sehr gekünstelt so, als wäre er entsprechend verletzt.


K:

Mehr Ernst. Das ist schließlich ein Spiel.

(K geht ins Feld u. tritt Z in die Eier)

Siehst du. Geht doch.


A:

Immer wollte ich,

dass sie spricht,

dass sie spricht, wie eine Mutter zu sprechen hat.

Von dem Sinn u. so.

Von der Aufgabe u. so.

Von der Ordnung u. so.

U. sie?

Sie steckte ihre Finger in den Mund u. riss sich die Lippen auseinander u. versuchte zu schreien. Doch noch der Schrei blieb stumm.




K:

Ich sah dich oft mit ihr. Immerzu tuscheltet ihr.
Immerzu fordertest du Trost bei ihr ein.

Memme.

Muttersöhnchen.

Ich schloss mein Zimmer ab u. lebte ein Leben in einer anderen Welt.

Weit unter dem Meeresspiegel. Die Fische redeten mit mir wie Wasserfälle,

wie (lacht)

die Wasserfälle, die diese Meere fütterten.

Yami Yami liebes Meer,

friss dich satt

komm friss dich satt.

Ich mach dich satt.

(Ballert wie wild auf Z)


A:

Heee, ich bin dran.


K:

Fresse.

(zielt auf K)

Sonst.


A:

Was?

Sonst?

Hosenscheißer.


K:

Haben wir eine eigene Sprache gefunden?

Sag!

Haben wir das?

Auch wenn du nicht in meinem Bett lagst.

Ich hab dich doch flüstern gehört.

Aus deinem Bett heraus, das so weit entfernt stand.

Aus deinem Zimmer heraus, das hinter so dicken Wänden lag.

Wenn ich es mir unter der Decke machte,

hörte ich doch deine Stimme.

Eine andere Sprache.

Die rührte u. doch nicht raubte.

Die nicht kickte u. sich dann aus dem Staub machte,

sondern wuchs wie ein Schmetterling in seinem Kokon.


A:

Du Drecksau, hab ich dich.

Zweinull.

Loser.


Z verbeugt sich. Ein neues Chormitglied kommt auf die Bühne.


Z:

Mit Verlaub, man heißt mich die Liebe u. man muss sanft mit mir sein.


A/K:

Halt’s Maul. Wie du uns, so wir dir.

Friss Eisen.


A:

Nicht habe ich gesprochen in meinem Bett.

Nichts sprach ich hinter meiner Wand.

Ich lag da

u. zählte die Flecken an der Decke, bis sie sich bewegten

u. zu leuchten begannen.

Einer leuchtete wie ein kleines Mädchen.

Ein anderer lachte wie ein reines Herz.

Einer verwandelte sich in ein Häkchen, das abhakte,

was ich tat. U. ich wusste, da war kein Fehler nicht.


K:

Kitsch.

Nichts als Kitsch. Warum sind die Kalten nichts als kitschig.

Der Fluss auf dem kitschigen Bild fließt nicht. Er ist gefrorenes Blau.

Ausgelaufener u. wieder eingefrorener Blaukrautsaft.

Taute er auf, stänke es vergoren.


A:

Ha, die Füße. Ich hab die Füße weggeschossen.


Z geht in Zeitlupe in die Knie u. läuft auf den Knien weiter. Sie gibt keinen Ton von sich.


A/K:

Jetzt kannst du nicht mehr davon laufen.



K:

Guter Schuss.

R-E-S-P-E-C-T

Gimme five.


A u. K klatschen einander in die Hände.


A:

Wärest du doch in mein Zimmer gekommen. Meine Tür war nicht verriegelt.

So wie deine.


K:

Meine Tür stand offen.

Vergiss das nicht.


A/K:

Wer uns finden will,

muss sich schon die Mühe machen,

uns zu suchen.


Z kann sich das Lachen nicht verkneifen.


A/K:

Fresse, du Schlampe.

Verwichste Heuchlerin.

Unterbezahlte Nutte.

Wir werden dir Beine machen.

(Beide ballern wie wild auf sie ein)


Z lacht nur. Steht still. Dann tut sie wieder sehr gekünstelt so, als ob sie doch mitspiele u. verrenkt sich ein bisschen, als wiche sie dem Kugelhagel aus.


A:

U. warum hast du mich ...


K:

Du standest im Weg.

Du standest mir im Weg.

Ich wollte durch die Tür.


A:

Wohin?


K:

Na zu dir, du Idiot.


A:

Aber ich war doch ...


K:

Komm mir jetzt nicht mit so einem Kleinscheiß.

Du standest im Weg u. damit basta.

Warum konntest du auch nicht aufhören, mich zu nerven.

Wie die Kuh da.

Poff.

Treffer.

Zweieins.


Z verbeugt sich. Ein neues Chormitglied stellt sich ins Feld. Es sagt nichts.


A:

Wer bist du?

Mach’s Maul auf.


Z:

Ich bin euer Leben u. ihr hießet mich schweigen.


A/K:

So ein Arsch. Dich werden wir schon zum Reden bringen.


A u. K klatschen einander in die Hände.


A:

Weil du’s stets besser hattest.

Dir wurde doch alles ins Maul geschissen.


K:

Ach nee.


A:

Warum warst du denn so fett?

He?

Vom Maulaffenfeilhalten etwa?

Vom ewigen aus dem Fenster gaffen, ging ich außer Haus.

He?

Vom insgeheimen Grinsen, schlug er mich,

jammerte sie mir die Hucke voll.

He?

Du standest ja noch belämmerter da als ich.

Du standest da wie ein Flipper, der getiltet wurde.

Auf den man nur noch draufhauen kann,

wie auf diesen Scheiß hier

(Schmeißt den Joycestick auf den Boden, kickt ihn von der Bühne)

Scheiße

(Steht auf u. bittet einen aus dem Publikum, ihm den Joycestick zurück zu geben. Hat er ihn, setzt er sich wieder auf seinen Platz.)

Scheißding

(ballert)

Treffer.

Dreieins.


Z geht aus dem Feld.


K:

Das war mein Leben.


A:

Fresse.


K steht auf. A steht auch auf. Beide ballern nun aufeinander.

K zieht A ins Feld.

Beide kämpfen.

Dann liegen beide auf dem Boden.

Legen sich nebeneinander.


A:

Warum hast du es nicht früher getan?


K:

Ich hatte ja keine Ahnung.

Ich kam nicht los von dir.

Warst meine Droge.

Kindheitsdroge.

Stets zu wenig da.

(lacht)


A:

Dasein bedeutete verhauen zu werden.

Oder berühren sollen.

Berühren ist Wehtun.


K:

Du u. deine Maximen.

Axiome.

Ich fasste sie gerne an.

Nie so gelacht als in dem Moment, als ich dich ...


A:

Sei still.


K:

Rede ich denn?

Laufe ich nicht je nur gegen die Wand,

stumm u. hilflos wie ein Vogel,

der sich am Morgen ins Zimmer verirrt u. keinen Ausgang mehr findet u.

die Tische vollscheißt.


A:

Außer der Angst war nichts da.


K:

Wovor?


A:

Vor dir.


K:

Die war berechtigt. Jetzt weißt du’s ja.

Jetzt brauchst du also keine Angst mehr zu haben.


Der Chor summt nicht mehr, sondern singt „o happy day“


A:

Also gibst du’s zu.

Viereins.

Ich hab gewonnen.


K:

Deshalb wird niemand mehr mir etwas Böses tun dürfen.


A:

Aber was Gutes.

Wir kriegen dich.

Du hast verloren.


K:

Ach, leck mich.


Der Chor springt auf u. läuft ekstatisch über die Bühne.


Dann Licht aus.

4. Szene

Auf der Bühne eine Badewanne aus Plexiglas, darin in klarem Wasser Abel (A) u. Kain (K). Der Frauenchor (C) trägt Badekleider. Jede hat eine Bürste oder einen Schwamm in der Hand. Während der Szene kommen immer wieder eine oder mehrere aus dem Chor an die Badewanne heran u. versuchen Abel oder Kain zu waschen. Manchmal steigen sie dazu auch in die Wanne. Abel u. Kain versuchen sie stets zu verscheuchen, besonders wenn sie ihnen gefährlich nah zwischen die Beine langen.


K:

Ich will sie alle haben.

Sie sollen es mir alle machen.

(zu C)

Weg da. Hau ab.


A altklug u. lehrerhaft:

Weil du glaubst, du verdienst keine ...

(zu C)

Lass mich in Ruhe

(zu K)

... Liebe.

Nur ein Rumgemache.

Rumgetue.

Zeitvertreib.

Seelenkehraus.

Dreckskerl.

Wie dreckig du bist. Das Wasser mutiert zum Schlammloch,

du invertierte Evolution.


K:

Mein Herz schießt vor Liebe Feuerwerke auf meine Haut.


A:

Schorfkrätzepickeleiterausschlagneurodermitisausgeburt.

(zu C)

Jetzt hör aber auf.

Mensch.

(zu sich)

Ich laufe leer u. alles färbt sich rot,

die Wanne wird überlaufen,

in die Welt laufen,

u. alle Welt wird rot sein

wie ein gänzlich fehlerhaftes Diktat.

(zu K)

Du verdienst es nicht mal, dass man es dich dir selbst machen lässt.

Meinst du, ich wüsste nicht,

was du tust.

Das Wasser klebt schon auf der Haut u. im Haar

u. die Poren können nicht mehr atmen

u. meine Innereien haben Asthma.

(zu sich)

Mein Gedärm atmet wie Karpfen hinter Glas

u. schreit Luftblasen in mein Denken,

deren Zerplatzen mich taub werden lässt.

(zu C)

Nachtigall ick hör dir trapsen.

Da nimm.

(spritzt C Wasser ins Gesicht)

(zu K)

Niemand soll erfahren,

dass du nur dich liebst.

Ja, du liebst:

dich.

Dass du dich brauchst.

(zu sich)

wie ich mich.

Immer das Gefühl, er sei ein Spiegel.

Ich könnt reinschlagen, damit das Glas klar würde

u. sauber wie die Nerven in meinem Augen einst waren,

bevor ich sie öffnen musste.

(zu K)

Wie sehr du dich dafür hasst.

Brüderchen.

Du hasstest dich umso mehr,

je mehr sie wüssten, dass du dich liebst,

dass du liebst

(will K einen Kuss geben, der tritt ihn vor die Brust, dass er zurück in die Wanne knallt u. das Wasser auf den Bühneboden spritzt)

Damit stehst du schutzlos da.

Du hast verloren.

(zu C)

Nimm das. (haut ihr auf den Arsch)

(zu K)

Lucia liebtest du nicht.

(zu sich)

Sie war mein.

(zu K u. zum Publikum)

Sie war niemandes Frau.

Rein u. unabhängig.


K:

Die dumme Kuh.

(zu sich)

Was sie alles wusste.

(zum Publikum)

Keine konnte ihr das Wasser reichen.

(zu A)

Strunzhohl war die.

Ehrlich gesagt …

(zu C)

Fass das nicht an.

Wenn du es berührst, ersäuf ich dich,

du Kakerlake

(zu A)

also ehrlich gesagt,

muss mir niemand die Welt erklären.

Wenn ich das schon höre

(zum Publikum)

Ihre Stimme reinigte meine Haut durch Schauder des Schönen.

(zu A)

Hör auf, das Wasser anzuschauen.

Es ist völlig dreckig von dir.

Du läufst aus.

Du leckst,

Brüderchen.

Du bist nicht ganz dicht.

Jetzt gehst du, dank mir, mal aus dir heraus,

du wolltest es ja nicht glauben,

dass ich dich bluten lassen werde,

du sollst bluten dafür.

Es ist alles deine Schuld,

ich bin rein

(drei C stürmen auf ihn los u. attackieren ihn mit den Bürsten)

Weg da, ihr Geschmeiß,

dumme Saubande,

hirnloses Volk,

Fotzen.

(zu A)

Wo war ich?

(zu sich)

Wo bin ich denn? Im Wasser bin ich sicher vor dem Staub der Welt,

nichts als Staub,

Tod u. Lieblosigkeit

u. Spuren eines Lebens, das nicht mir gehört.

(zu A)

Ach so,

wenn ich das schon höre

(zu C)

Steck dem den Schwamm in den Schädel,

Schwamm zu Schwamm

(zu sich)

u. Staub zu Staub.

Ich will ihr Scheißleben nicht,

bin kein Staubtier,

bin Wassertier,

Korallenhände u. Algenaugen,

Fischschwarmworte u. liebeslustgesalzen.

(zu A)

Wenn ich das also schon höre:

Lieber Kain.

Ich hätte kotzen können

(zu C)

Zisch ab, du frigide, vertrocknete Sau,

das hier ist nichts für dich.

(zu A)

so kompliziert ist die Welt nicht,

hätte sie mir nicht sagen können,

was sie fühlt

oder was ich fühle

oder warum ich fühle, was ich fühle

oder warum ich nichts fühle, wenn ich etwas fühle

oder warum ich Schmerz fühle muss, wenn ich fühle, dass ich nichts fühle, u. das nicht mehr fühlen mag,

oder warum ich lediglich die Welt erklären kann,

lieber Adel.

Hee.

LIEBER ADEL


A schabt an seiner Haut rum u. in seinem Gesicht, scheuert sich mit den Händen die Haut ganz rot.


A:

Da ist nichts

(zu sich)

Alles ist voll.

Ich werde darin ertrinken.

Es steht mir bis Oberkante Unterlippe

(zu C)

Das hier auch.

Ich kann dir gar nicht sagen, wo mir das steht.

Siehst du nicht, dass ich sauber bin,

blütenrein

aprilfrisch

weißer als weiß

(zu K)

Hä?

Was?

Las mich in Ruhe.

Such dir ne eigene Wanne.

Hast mal wieder kein Geld.

Idiot.

Alles verfickt.

Findest ja keine.

Dumme Sau.

Armes blindes Huhn


K:

Kein Wort davon.

Das hat sie nicht getan.

Ich sehe dich. Du sitzt da u. bist

über u. über verdreckt,

(zu sich)

Lebensabsenzdreck

(zu A)

Du hast dir ja nicht die Hände an ihr schmutzig machen wollen,

höchstens durch dein ewiges, ewig peinliches Auf-den-Hände-tragen

Kein Wunder,

dass sie zu mir kam,

ich tat ihr andres mit meinen Händen


A:

U. sie dir auch


K:

U. ich dir auch.


A:

Schweig still

(zu sich)

Sie lächelte, als sie es tat.

(zum Publikum)

Sie lachte, als sie es tat,

u. der Rotebeetesaft sprang fontänengleich

aus seinem Gesicht.

Zwei Fontänen der Liebe,

die nicht zueinander kommen konnten.

Jeder fiel für sich auf die Erde herunter

u. verlief sich im Sand,

darin Kinder sprangen,

weil es so schön matschig war.


K:

Halt doch die Fresse.

Alles ist in bester Ordnung.

(zu C)

Ich schieb dir deine Büste gleich in den Arsch,

dass sie dir zum Hals heraus kommt

(zu A)

Nichts ist passiert.

Nichtsnichtsnichtsnichtsnichts.

(zu sich)

ja zuvor,

das ist das Schlimme,

dass da nichts war,

das geschah,

nur die grenzenlose Ein ...

(zu C)

gehst du wohl

(zu sich)

... samkeit,

die nun an mir klebt

wie Harz

u. alle Regenbogenblätter kleben daran fest

u. jeder glaubt, ich sei ein Paradiesvogel.

Dabei zerfrisst er mir das Fleisch,

dabei bohrt sich diese Scheißeinsamkeit

ins Hirn wie ein göttlicher Lobotomiebohrer

(lacht)

(zu A)

wie du da


A:

Was?

Wie?

Wer?

Du fantasierst.

(zu sich)

u. ich auch,

mit dem offenen Kopf ist schlecht mehr durch die Wand zu kommen.

Ich bleib einfach hier sitzen.

Tut er ja auch.

Also scheint’s normal zu sein

die

(auf C zeigend)

sagen sowieso nichts

(zu C)

Nicht wahr

(zieht C an der Bürste ins Wasser)

Jetzt zeig ich dir mal mein Auf-den-Händen-tragen

(C schreit, zappelt, schlägt A mit der Bürste auf den Kopf u. befreit sich u. steigt wieder aus der Wanne)


K:

Sie war es.

Ich hab es deutlich gesehen.

Sie war es.

Sie war das

(zu sich)

ich fühle keine Schuld mehr,

wie ich nichts mehr fühle,

wie da nur noch eine Schwelle ist u. nichts dahinter


A:

Was war sie?

Nichts war sie.

Nichts war.

Alles ist in bester Ordnung.

U. das mit den Augen,

mei,

so was wächst doch nach

(lacht)

(zu sich)

der glaubt’s womöglich noch.

Hat mir immer alles geglaubt.

Leichter wie der da ist niemand zu verarschen

(zum Publikum)

dem könnt ihr alles erzählen,

der glaubt’s sogar, wenn ihr sagt,

ihn würden alle anklotzen

u. alle würden darauf warten,

dass sich endlich was tue.

(lacht)

(zu sich)

alles Idioten.

Können nicht eins u. eins zusammen zählen.

Ich kann es.

Also kann’s so schlimm nicht sein.

Ich fühle ja auch nichts.

Wahrscheinlich ist wirklich alles in Ordnung.

Dem sein Geschwätz.

(zu K)

Du hast dir die auch doch nur angemalt,

damit alle Mitleid mit dir haben.

Arme Sau.

Mitleid.

Hascherl.

Nesthäkchenimitator.

Eideidei.

Putziputzi.

MiezMiez.


K:

Es brennt so fürchterlich

(taucht unter)


A:

Eeeeh

du Sau


C kommt gerannt u. zieht K am Schopf den Kopf wieder aus dem Wasser u. haut weinend ein paar Mal mit der Bürste drauf


K:

Weg da.

Arschgesicht.

Rosettenfresse.


A:

Betört habest du sie mit deinem Wort.

Man hört es ja.


K:

Mit dem Geruch meiner Seele

(zum Publikum)

Eher mit der Pflichterfüllung meines Schwanzes.

(zu sich)

Betört.

Hörte sie mich überhaupt als ich ihr den Finger

in den Arsch bohrte u. sie schrie

nie werde sie mich verlassen.

U. dann,

als ich Milch kaufen wollte,

krallte sie sich meinen Kopf

u. grub ihre Finger in ...

Nicht mehr weinen kann ich,

blutige Bäche laufen wie Ameisenheere durch mein Gesicht

u. fressen mir das Fleisch von den Rippen.

Ich bin toter als der da.


A:

Was sagtest du?

Ich hörte einen Laut, wie wenn man einem Tier den Hals ganz herumdreht

so einen Laut

man nimmt es unter den Arm

tätschelt es

als wolle man mit ihm spielen

u. dann

ratz

fatz

fertig

Herr Rettich


K:

Du bist schuld.


A:

Du bist schuld.


A u. K zueinander:

Schuld u. Scham klebt an dir von Kopf bis Fuß.

Kommt u. wascht die Sau sauber

(beide tauchen unter, alle C kommen gerannt u. ziehen die beiden am Schopf den Kopf wieder über Wasser u. schlagen weinend mit den Bürsten auf die Köpfe ein)


A u. K zueinander:

Das ist meine Wanne.

Das ist meine Seele.

Das ist mein Herz.

Das ist mein Schwanz.

Das ist meine Liebe.

Dir gehört nichts.

Elendiger Hundsfott

Dreckiger Kadaver.


Beide fallen sich in die Arme.

Liebkosen sich

flüstern liebevoll:


Stinkende Leiche

krötenschleimige Verwesung

rattenzerfressenes Aas

Brüderchen.

Ich hab dich doch ganz ...


Beide stoßen sich voneinander ab.


A u. K zueinander:

Ich bring dich vor’s Gericht.

Du warst es


K (zum Publikum):

Er hat sie vertrieben.

Sie hat mich mit ihm verwechselt.

Deshalb tat sie’s.

Sie wollte ihm die ...


A (zum Publikum)

Er war’s.

Er hat es getan.

Mit dem Gürtel.

Mit der Schnalle


K:

Ja, eine Schnalle war sie


A:

War sie nicht.


K:

Doch!


A:

Nein!


Unter immer lauterem Doch/Nein-Sagen stehen beide auf, steigen aus der Wanne, treiben mit Gesten den Chor von der Bühne u. gehen dann selbst ab.


Man hört das Geräusch, die eine Gürtelschnalle erzeugt, wenn damit ein Schädel eingeschlagen wird.


Man hört das Geräusch, das zwei Hände erzeugen, wenn sie zwei Augen aus ihren Höhlen heraus reißen.


Der Chor kommt zurück, steigt unter Lachen in die Wanne u. alle Mitglieder bespritzen sich ausgelassen mit Wasser u. singen:


1. Danke für diesen guten Morgen, / danke für jeden neuen Tag. /
Danke, dass ich all meine Sorgen / auf dich werfen mag.

2. Danke für alle guten Freunde, / danke, o Herr, für jedermann. /
Danke, wenn auch dem größten Feinde / ich verzeihen kann.

3. Danke für meine Arbeitsstelle, / danke für jedes kleine Glück. /
Danke für alles, Frohe, Helle / und für die Musik.

4. Danke für manche Traurigkeiten, / danke für jedes gute Wort. /
Danke, dass deine Hand mich leiten / will an jedem Ort.

5. Danke, dass ich dein Wort verstehe, / danke, dass deinen Geist du gibst. /
Danke, dass in der Fern und Nähe / du die Menschen liebst.

6. Danke, dein Heil kennt keine Schranken, / danke, ich halt mich fest daran. /
Danke, ach Herr, ich will dir danken, / dass ich danken kann.



Licht aus.